Bacsinszky: „Ich hatte mit dem Tennis abgeschlossen“

Timea Bacsinszky wirkt entspannt und glücklich, als ich sie zum Interview im wenig glanzvollen Tennisclub von Kreuzlingen treffe. Geduldig erfüllt die Lausannerin die Autogrammwünsche der Ballkids und Fans. Bacsinszky hat im Halbfinal soeben die tschechische Aussenseiterin Petra Krejsova bezwungen und damit ihren 14. Sieg in Folge auf der ITF Tour gefeiert. Dass die 24-Jährige wieder im Mittelpunkt steht und durch gute Leistungen auf sich aufmerksam macht, ist nicht selbstverständlich. Vor nicht einmal einem Jahr hatte Bacsinszky mit dem Tennis abgeschlossen und sich einem anderen Lebensinhalt gewidmet. Im Gespräch erklärt sie, weshalb sie nun doch wieder (erfolgreich) zum Racket greift.

Turniersiege in Andrezieux-Boutheon und Tallinn sowie eine Final-Teilnahme in Kreuzlingen. Timea Bacsinszky sorgt derzeit auf der ITF Tour für mächtig Furore. „Ich bin sehr zufrieden, wie es momentan läuft. Ich bin in der Situation der Gejagten – das ist zwar Druck, aber es spornt auch an. Zum ersten Mal in meinem Leben geniesse ich es, auf dem Tennisplatz zu stehen. Es freut mich, dass sich die harte Arbeit auszahlt“, bilanziert Bacsinszky.

In eine Negativspirale geraten

„Zum ersten Mal in meinem Leben“ ist eine Aussage, die Bacsinszky in unserem Gespräch regelmässig verwenden sollte. Und sie kommt nicht von ungefähr. Noch vor wenigen Monaten hatte wenig darauf hingedeutet, dass Bacsinszky auf der WTA Tour noch einmal durchstarten würde. Nachdem sie im Oktober 2009 in Luxemburg ihren bislang einzigen WTA-Titel gewonnen und rund ein halbes Jahr später mit Rang 37 ihr bestes Ranking erreicht hatte, ging es praktisch nur noch bergab.

Rückblende: April 2011. Bacsinszky bricht sich bei einer unglücklichen Situation den Fuss und muss rund ein halbes Jahr aussetzen. Praktisch ohne Vorbereitung gewinnt sie im Dezember die Schweizer Meisterschaften, bezahlt dafür allerdings einen hohen Preis. „Die Narbe war noch nicht ganz verheilt, ich habe zu früh begonnen, wieder zu spielen.“ Es folgt eine erneute Zwangspause und im März eine Schulterverletzung. „Ich konnte in Indian Wells nicht einmal mehr Autofahren“, blickt Bacsinszky zurück.

Zwar spielt Bacsinszky das Jahr 2012 zu Ende und macht in der Weltrangliste einen Sprung von Platz 433 auf 185, doch glücklich war sie nicht. „Ich war ständig traurig, wusste aber nicht, warum. Ich wusste nicht, wie die Zukunft aussehen soll“, spricht die Frau mit der starken Rückhand offen über ihre damalige Situation. In den erste Monaten 2013 spielt Bacsinszky kaum und trainiert nur selten, sie widmet sich anderen Karrierepfaden. So beginnt sie im April ein Praktikum in einem Hotel, um im September die Hotelfachschule beginnen zu können. In dieser Zeit arbeitet die sensible Lausannerin, die fliessend fünf Sprachen spricht, mit einer Psychologin zusammen und kommt für sich zum Schluss: Das war es mit dem Tennis. „Ich hatte für mich mit diesem Thema abgeschlossen.“ Das Karriereende verkündete sie aber nie offiziell, „weil ich mich noch nicht bereit dazu fühlte“. Zum Glück, wie sich herausstellen sollte.

Ein schicksalshafter Tag im Mai 2013

Man kann es Schicksal nennen, was sich nur wenige Tage später ereignen sollte. Bacsinszky beginnt zu erzählen: „Ich erhielt morgens um 8 Uhr eine E-Mail, dass ich in die Qualifikation für die French Open reingerutscht bin. Ich bekam fast keine Luft mehr.“ Bacsinzsky übernachtete damals bei ihrer Mutter – etwas, das sie nur selten tut. „Ich hatte alle Tennissachen bereits dort, weil ich sie nicht mehr in meiner Wohnung haben wollte. Als ich runterging, verstand meine Mutter die Welt nicht mehr. Ich strahlte über das ganze Gesicht“, blickt Bacsinzsky zurück. Für sie war schnell klar: Ich werde, auch ohne Vorbereitung, diese Quali spielen. Gesagt, getan. „Ich habe meinen Chef im Hotel angerufen und gesagt, dass ich die nächsten Tage nicht kommen könne. Dann bin ich mit meinem Auto alleine nach Paris gefahren. Da wusste ich: Egal ob ich gewinne oder verliere, ich möchte wieder Tennisspielen. Ich hatte das erste Mal in meinem Leben die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, was ich tun möchte. Dieser Tag war unglaublich für mich.“

Von da an nahm alles seinen Lauf. Nach den French Open rief sie Dimitri Zavialoff an. Sie wollte unbedingt mit dem Ex-Coach von Stanislas Wawrinka zusammenarbeiten. „Ich musste natürlich zuerst abklären, ob ich ihn überhaupt finanzieren kann“, lacht Bacsinszky. „Wir haben ein paar Probewochen gemacht und per 1. Juli mit der Zusammenarbeit begonnen.“ Die Schweizerin begann wieder regelmässig zu trainieren, beendete aber dennoch ihr Praktikum. „Meine Kollegen im Hotel haben richtig mitgefiebert, als ich in Wimbledon die Quali gespielt habe. Das war schon speziell.“ Kurz nach Wimbledon gewinnt Bacsinszky mit nur wenigen Trainingsstunden bereits wieder ein ITF-Turnier in Contrexeville.

Bacsinszky während der Fed-Cup-Begegnung gegen Frankreich.
Bacsinszky während der Fed-Cup-Begegnung gegen Frankreich.

„Ich kenne mein Limit noch nicht“

Mittlerweile gilt Bacsinzskys Fokus wieder voll und ganz dem Tennis. Sie fühlt sich wohl in ihrer Haut und ist motiviert bis in die Haarspitzen. Die Top 100 sind ihr kurzfristiges Ziel, das soll aber erst der Anfang sein. „Ich möchte besser sein als früher. Ich war die Nummer 37 der Welt und drei Jahre in den Top 50. Aber ich war noch weit weg von meinem Limit. Wo das liegt? Das möchte ich herausfinden.“ Tennis spielt sie heute, weil es ihr Spass macht. „Ich habe ein Ziel und es ist mein Ziel. Ich spiele nicht Tennis, weil ich talentiert bin und andere das von mir erwarten. Früher hatte ich teilweise Angst, auf den Platz zu gehen und habe einfach funktioniert. Heute versuche ich, die Momente bewusst zu geniessen“, erklärt Bacsinszky ihr „zweites Leben“, wie sie es nennt.

Dass sie sich nun bei kleinen Events nach oben kämpfen muss, macht ihr nichts aus, im Gegenteil. „Man denkt, dass diese Turniere nicht wichtig sind. Aber das stimmt nicht. Natürlich kann ich sagen: ‚Ich war in Kreuzlingen, die Ballkids und der Schiedsrichter waren schlecht, die Unterlage kam mir nicht entgegen und deshalb habe ich verloren.‘ Aber dann ist man nicht ehrlich mit sich selbst, dann fehlt es an Professionalität.“ Die Einstellung bei Bacsinszky stimmt also, die Motivation sowieso. Wohin es die „neue Timea“ führen wird, ist derzeit schwierig abzuschätzen. „Aber ich bin glücklich“, sagt sie lächelnd, „zum ersten Mal in meinem Leben.“

Auf der offiziellen Facebook-Seite von Timea Bacsinszky könnt ihr den weiteren Weg der Lausannerin verfolgen. Sie hält ihre Fans regelmässig auf dem Laufenden. 

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