17554092072_8597c44563_k

Danke, Andy Murray!

Ich lese viel. Gerade wenn es ums Tennis geht. Selten passiert es jedoch, dass mich das Gelesene berührt, länger als 10 Minuten zum Nachdenken anregt. Zu schnelllebig ist dieser Sport, zu selten werden Einblicke ins Seelenleben der Athleten gewährt.

Ganz getreu dem Motto: „Unverhofft kommt oft“ hat das Red Bull Bulletin kürzlich ein Interview mit Andy Murray publiziert. Ich fing an zu lesen und merkte schnell: Dies ist kein gewöhnliches Frage- und Antwortspiel, hier geht es tiefer.

Um es vorwegzunehmen: Ich bin weder Murray-Fan noch würde ich mich als Feministin bezeichnen. Vielmehr stehe ich für etwas ein, wenn ich es für richtig befinde – das Geschlecht ist dabei vollkommen zweitrangig.

Zugegeben: Auch ich war überrascht, als Murray vor knapp einem Jahr Amélie Mauresmo als Trainerin vorstellte. Positiv überrascht. Etwas Vergleichbares hatte es zuvor noch nicht gegeben. Ich war gespannt, wie diese Paarung funktionieren würde. Doch wie immer, wenn etwas neu und ungewohnt ist, krochen die Skeptiker schnell aus ihren Löchern. Ausgerechnet eine Frau soll Murray wieder in die Spur bringen? Ausgerechnet eine, die zwar die Nummer 1 der Welt war und zwei Grand-Slam-Titel gewann, mit ihrem Outing aber viel mehr Aufmerksamkeit erregte, als sie es mit ihren grossen sportlichen Erfolgen je schaffte (aber eigentlich verdient hätte)?

Nicht nur bei (den konservativen englischen) Journalisten und Fans war es das grosse Thema, auch unter Spielern wurde diskutiert – oft hinter vorgehaltener Hand. „Viele waren vor allem überrascht, manche hielten es für einen Scherz“, erklärt Murray. Der Australier Marinko Matosevic (ATP 101) beispielsweise sagte: „Es geht heutzutage überall um Gleichberechtigung, es muss halt politisch korrekt sein. Ja, jemand muss es mal versuchen, ich werde es bestimmt nicht sein.“ Sam Stosur nannte ihren Landsmann daraufhin einen „Dickkopf.“

Ein Schock war nur, wie sehr es persönlich wurde, gegen Amélie. Das war heftig.

Was Murray vor allem vor den Kopf stiess, war die persönliche Ablehnung, die Mauresmo erfuhr. „Ich habe am Ende des Jahres besser gespielt als zu Beginn. Also hat mich die extreme Kritik nach jeder Niederlage mehr erstaunt als geärgert. Ein Schock war nur, wie sehr es persönlich wurde, gegen Amélie. Das war heftig“, sagt Murray heute.

Dies sei ihm noch bei keinem anderen Coach passiert. So sah sich Murray in den letzten Monaten immer wieder gezwungen, Mauresmo in den Medien zu verteidigen. Auch nach den World Tour Finals im vergangenen November, als er gegen Roger Federer nur ein einziges Game gewann. Wäre dies auch bei einem männlichen Coach der Fall gewesen? Wohl kaum, definitiv nicht in diesem Ausmass.

Murray macht sich aber nicht nur für seine Trainerin stark, sondern setzt sich generell für Frauen – besonders im Sport – ein. Er ist ein interessierter Verfolger der WTA-Tour und macht kein Geheimnis daraus, dass er sich gerne Frauenmatches ansieht. Dies in Zeiten, in denen viele männliche Kollegen ihre Energie vielmehr darauf verschwenden, ihr weibliches Pendant niederzumachen (Stichwort: Stakhovsky, Tipsarevic).

© Christopher Levy
© Christopher Levy

Heisst das nun, dass Murray ein Feminist ist? Die Antwort auf diese Frage ist mein persönliches Highlight dieses Interviews. Für Murray geht es darum, für Dinge einzustehen, die er für richtig hält – oder dagegen anzukämpfen, wenn etwas seiner Meinung nach falsch ist. Die Bezeichnung dafür ist komplett zweitrangig.

So sagt Murray: „Mir ist wichtig geworden, dass Frauen eine faire Chance bekommen. Wie sehr das noch nicht so ist, habe ich erst durch die Arbeit mit Amélie gesehen, das ist richtig. Und wenn jemand, dem es wichtig ist, dass alle die gleichen Rechte haben, ein Feminist ist, dann bin ich das, ja, dann bin ich ein Feminist.“ In diesem Sinne: Danke, Andy Murray.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *