Novak Djokovic

„Mehr Dominanz im Männertennis geht kaum“

Das Tennisjahr neigt sich langsam aber sicher dem Ende entgegen. Es ist aus Schweizer Sicht eines, das aus vielerlei Gründen in Erinnerung bleiben wird. Höchste Zeit also, mit Tennisexperte Marco Keller über die bisherige Saison und die verbleibenden Turniere zu sprechen.

LetsTalkTennis: Marco Keller, Novak Djokovic ist der überragende Mann in dieser Saison. Hättest du geglaubt, dass in Zeiten der „Golden Era“ ein solcher Alleingang möglich ist?

Nein, das hätte ich nicht. Man muss zwar einschränkend sagen, dass die Top 5 dieses Jahr eigentlich nur die Top 3 waren, denn Rafael Nadal war lange nur ein Schatten seiner selbst und Andy Murray hat in den letzten beiden Jahren gegen die anderen Vier grossen eine kumulierte Bilanz von 2:16. Djokovics Jahr ist aber schlicht grossartig und man darf nicht vergessen, dass ihm letztlich nur zwei Sätze zum Gewinn des Grand Slam fehlen.

Was imponiert dir derzeit am meisten am Serben?

Seine Fähigkeit, auf die unterschiedlichsten Spielertypen eine Antwort zu finden und seine Konstanz. In Peking und Schanghai blieb er ohne Satzverlust, einzig Bernard Tomic zwang ihn in ein Tiebreak. In 15 von 20 Sätzen gestand er seinen Gegnern nicht mehr als zwei Games pro Satz zu. Mehr Dominanz im Männertennis geht kaum.

Roger Federer verlor in Schanghai früh. Wie wirkte er auf dich nach der Niederlage?

Enttäuscht, wie man nach einer Niederlage gegen einen Spieler, gegen den man klar favorisiert ist, natürlich ist, aber gefasst. Seine Aussage „es war eine lange Anreise für eine Niederlage im Startspiel“ bringt es auf den Punkt. Man darf aber nicht vergessen, dass Federer in den Monaten zuvor mit den Finals in Wimbledon und am US Open, dem Titel in Cincinnati und den drei Einsätzen innert 48 Stunden im Davis Cup viel Energie gelassen hat.

Federer_US-OpenGlaubst du, dass Federer der einzige ist, der Djokovic in den verbleibenden Turnieren gefährlich werden kann?

Er ist der einzige, der Djokovic in diesem Jahr zweimal bezwungen hat und sein Spiel kommt indoor besonders gut zur Geltung. Wenn ich auf nur einen Spieler setzen müsste, der Djokovic schlagen kann, dann würde ich Roger nehmen. In der Halle und auf zwei Gewinnsätze ist aber vieles möglich, gerade auch für Kanoniere wie Ivo Karlovic.

Auch Stan Wawrinka spielt eine weitere, äusserst erfolgreiche Saison. Was traust du ihm noch zu?

Viel, wenn er nach einem kräftezehrenden und enorm erfolgreichen Jahr noch einmal die nötige mentale Spannung aufbauen kann. Wenn man die letzten beiden Jahre ganz genau betrachtet, ist Stan hinter Djokovic der Mann mit den zweitmeisten grossen Erfolgen. Mit diesem Wissen spielt es sich leichter und er weiss auch, dass er Djokovic jederzeit schlagen kann. Und Djokovic weiss das auch.

Du verfolgst das Tennis schon lange und kennst auch die „alte“ Timea Bacsinszky. Wie überrascht bist du von ihrer unglaublichen Saison?

Wie bei Djokovic wäre ich auch hier mit meinen Prognosen Anfang Saison nicht reich geworden. Aber wer wäre das schon? Dass sie sich von Platz 48 bis in die Top 10 vorgespielt und -gekämpft hat, verdient allerhöchste Wertschätzung. Und wer weiss, was passiert wäre, wenn Serena Williams im French-Open-Halbfinal nicht plötzlich zur Schauspielerin mutiert wäre.

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Timea ist ein Musterbeispiel dafür, dass eine Karriere ein Marathon ist und kein Sprint. Glücklich, wer in der zweiten Hälfte noch zulegen kann. Das gilt auch für die einzelnen Partien, ihre 16:4-Bilanz in Dreisätzern ist beeindruckend. Nur den Hut ziehen kann man auch vor Dimitri Zavialoff. Der TC Stade Lausanne sollte ihm eine Statue erreichten: Zwei Mitglieder des gleichen Klubs in die Top 10 zu führen, ist weltweit wohl einzigartig.

Auch Belinda Bencic hat ein tolles Jahr hinter sich. Wird es bei ihr in ähnlichem Stil weitergehen oder müssen wir da mit Rückschlägen rechnen?

Sie hat in diesem Jahr erste Erfahrungen mit Rückschlägen gesammelt, verlor zum Saisonstart vier Partien in Serie, dann im April und Mai noch einmal. Sie hat darauf gut reagiert und spielt seit der Rasensaison wie eine Top-10-Spielerin. Und wer wie sie in Toronto sechs Grand-Slam-Finalistinnen und -Siegerinnen in Serie schlägt, inklusive der Überspielerin Serena Williams, der hat bis in die Garderoben hinein Respekt gesammelt. Natürlich besteht die Gefahr, zu viel zu wollen und drei nicht beendete Partien in den letzten fünf Turnieren sind ein Warnsignal des Körpers. Ich denke aber, in ihrem Team steckt genug Tennisfachkompetenz, um diese Fehler zu vermeiden.

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Die WTA hat sich in den vergangenen Wochen nicht gerade mit Ruhm bekleckert, die „Road to Singapore“ verkam aufgrund nicht klar kommunizierter Regeln zum totalen Chaos. Wie schätzt du die Situation ein?

Da gibt es nur Verlierer. Allen voran eine Spielerin wie Bacsinszky, die in Luxemburg nicht mehr punkten kann, das Turnier in Moskau, das zur Farce verkommt, weil sich die Spielerinnen nur dafür interessieren, so lange sie noch Punkte für Singapur brauchen und natürlich die Tour selber. Punkto Vermarktung ihres Produkts überzeugt die WTA-Tour sonst ja, dies war aber ein Eigentor. Keinen Vorwurf mache ich Flavia Pennetta, Angelique Kerber und Agnieszka Radwanska, weil sie Forfait erklärt haben. Von Pennetta beispielsweise wäre es fahrlässig gewesen, in Moskau weiterzuspielen, wenn sie am Sonntag schon in Singapur antreten muss.

Euer Buch „Jubeljahre“ über die goldene Ära im Schweizer Tennis ist, böse gesagt, schon etwas überholt. Ist der zweite Teil bereits in Planung?

Das ist wirklich böse gesagt, das Buch ist noch immer topaktuell und in vielen Bereichen zeitlos. So sollte jeder Jugendliche sowie alle Eltern gelesen haben, welche Ratschläge Roger Federer ambitionierten Kids erteilt. Wir stehen aber tatsächlich vor einem Luxus-Problem, nämlich dem, dass die „Goldene Ära“ andauert und kein Ende abzusehen ist. Wahnsinn, was das Schweizer Tennis alleine in den letzten zwei Jahren wieder an Erfolgen feiern durfte. Das macht es für meinen Co-Autoren Simon Graf und mich nicht einfach, einen idealen Zeitpunkt für die Zweitauflage festzulegen. Ich denke, 2016 müssen wir in jedem Fall noch abwarten. Roger und Stan können weitere Grand-Slam-Titel holen, beide haben Chancen auf Olympiamedaillen im Einzel und im Doppel oder Mixed. Dazu werden Timea und Belinda ihren Sturm auf die Weltranglistenspitze fortsetzen und wird Martina Hingis ihre Kollektion an Grand-Slam-Titeln erweitern. Und last but not least bin ich überzeugt, dass 2016 die Stunde des Fed-Cup-Teams schlagen wird.

In „Jubeljahre – Die Goldene Ära des Schweizer Tennis“ beleuchten Marco Keller und Simon Graf das Schweizer Tennis-Märchen, von Pionier Heinz Günthardt über Marc Rosset, Jakob Hlasek und Patty Schnyder bis hin zu Martina Hingis, Stan Wawrinka und Roger Federer. Die Autoren haben mit allen Protagonisten ausführlich gesprochen und ihre so unterschiedlichen wie faszinierenden Wege nachgezeichnet. Bestellen Sie „Jubeljahre“ auf info@jubeljahre.ch und profitieren Sie mit dem Vermerk „Let’s Talk Tennis“ vom Spezialpreis von CHF 30 netto (statt CHF 39 plus Versandkosten).

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