Schlagabtausch: Nadal oder Djokovic in Paris?

Es ist bereits eine Weile her seit dem letzten Schlagabtausch. Deshalb freut es mich besonders, dass ich den ausgewiesenen Tennisfachmann Marco Keller für dieses „Battle“ gewinnen konnte. Einmal mehr heisst es in einem grossen Endspiel Rafael Nadal vs. Novak Djokovic. Wer wird in Paris in diesem Klassiker am Sonntag die Oberhand behalten? Marco und ich sind da unterschiedlicher Meinung…

Svenja Mastroberardino: Für mich war Novak Djokovic bereits vor dem Start des Turniers der grosse Favorit auf den French-Open-Titel. Daran hat sich auch in der Zwischenzeit nichts geändert. Ich bin überzeugt, dass er am Sonntag auf dem Philippe Chatrier den „Coupe des Mousquetaires“ in die Höhe stemmen wird. Auch wenn er im Halbfinal nicht vollends überzeugen konnte, wird er – nicht nur physisch, sondern vor allem auch mental – bereit sein. Wie schätzt du die Ausgangslage ein?

Marco Keller: Auch für mich hat sich in den letzten zwei Wochen nichts geändert. Mein Favorit war, ist und bleibt Rafael Nadal. Die erste Woche hat er in Paris sein Leistungspotenzial noch nie ausgeschöpft, diesmal kam er aber ohne Schwierigkeiten durch. Jetzt, in der Phase, in der es wirklich zählt, steigert er sich kontinuierlich. Viele Leute vergessen, dass man gegen David Ferrer auch einmal einen Satz verlieren kann und dieser kleine Fehltritt hat die Wirkung nicht verfehlt. Wer danach in insgesamt sechs Sätzen gegen das Laufwunder Ferrer und den amtierenden Wimbledonsieger Andy Murray nur gerade elf Games abgibt, ist in jedem Fall in einer hervorragenden Ausgangslage. Spielerisch, physisch und mental.

Svenja: Nadal hat gegen Murray zweifellos grandios gespielt, nur war dieser für ihn in der Vergangenheit noch nie ein Gradmesser auf Sand. Das weiss auch der Spanier. Djokovic ist da ein ganz anderes Kaliber. Er kann ihm nicht nur spielerisch das Wasser reichen, sondern dürfte auch mental den entscheidenden Vorteil auf seiner Seite haben. Djokovic hat die letzten vier Begegnungen gegen Nadal allesamt gewonnen, die Resultate waren dabei alles andere als knapp. Dass Djokovic in Rom den ersten Satz verlor, war sein Verschulden, da hat er miserabel gespielt. Ansonsten war Djokovic Nadal in den letzten Monaten geradezu überlegen.

Marco: Natürlich ist Murray kein echter Gradmesser für Nadal, aber in dieser Deutlichkeit muss man ihn auch einmal bezwingen. Es ist auch klar, die vier Siege in den letzten vier Duellen sprechen für Djokovic. Viel wichtiger aber ist, dass Nadal die letzten drei Vergleiche auf Grand-Slam-Stufe für sich entschieden hat. Wäre Nadal ein Fussballteam, wäre er die italienische Nationalmannschaft, die steigert sich auch dann, wenn es wirklich zählt. Der Spanier weiss – im Gegensatz zu Djokovic – wie man in Paris gewinnt, bei ganz besonderen Bedingungen auf einem Platz mit gigantischen Ausmassen und auch gegen ein oft unfaires Publikum. Er wäre der erste Spieler überhaupt, der ein Grand-Slam-Turnier neunmal für sich entscheidet, eine monumentale Leistung, im Tennis nur noch vergleichbar mit den sieben Titeln von Roger Federer in Wimbledon. Auch die Bedingungen sprechen für ihn, mit der zu erwartenden grossen Hitze und den Bällen, die den Topspin Nadals enorm annehmen. Zudem ist sein Spiel unberechenbarer als je zuvor, gerade, weil er die Rückhand noch mehr umläuft und mit der Vorhand unglaublichen Druck erzeugt.

Svenja: Ob es ein Vorteil Nadals ist, dass er die Rückhand noch mehr umläuft als sonst, wage ich zu bezweifeln. Diese Bälle müssen dann schon perfekt sitzen, denn sonst wird Djokovic zur Stelle sein und die verwaiste Vorhandecke mit seinem tollen Winkelspiel anvisieren. Ich denke, der Start wird sehr wichtig sein. Schafft es Djokovic, das Zepter gleich von Beginn weg an sich zu reissen und Nadal unter Druck zu setzen, wird sich im Kopf des Mallorquiners einiges abspielen. Ausserdem wird Nadal gut servieren müssen. Djokovic, der wohl beste Returner auf der Tour, wird Nadals zweite Aufschläge gnadenlos angreifen.

Marco: Es wird tatsächlich ein Schlüssel, ob es Djokovic gelingt, Nadal auf der Vorhand zu beschäftigen und so dessen „Umlauflust“ einzudämmen. Jeder Spieler, der dies umsetzen kann, hat gegen Nadal Chancen, aber es gelingt den wenigsten… Und wenn die Vorhandmaschine einmal justiert ist, dann bleibt den meisten Spielern nur noch die Rolle des Dauerläufers. Der Start wird wichtig, aber Nadal ist fit und bereit, über fünf Sätze zu gehen, so wie in jedem Spiel. Dabei hilft ihm seine Mentalität, sich ohnehin nie als Favorit zu sehen. Nadal würde auch eine Partie gegen den Platzwart in Manacor so vorbereiten, als ob er der klare Aussenseiter sei und gegen einen Murray, Federer oder Djokovic ist dies natürlich nicht anders. Sogar falls Nadal die ersten beiden Sätze verlieren sollte, würde er sich nicht aufgeben und wäre bei weitem nicht chancenlos. Eines ist aber auch klar: Falls Djokovic den Karriere-Grand-Slam morgen realisiert, bin ich der Erste, der mein Tennis-Käppi zieht, denn es gibt im Welttennis derzeit keine grössere Herausforderung als Rafael Nadal in Paris.

Svenja: Du bist Mützenträger? 😉 Nein, im Ernst: Meiner Meinung nach ist Djokovic der einzige Spieler seit Nadals Sand-Dominanz, der das Zeug hat, ihn auch in Paris zu schlagen. Wenns sein muss auch über fünf Sätze. Das weiss er. Viermal ist er bislang gescheitert, beim fünften Mal wird es klappen. Und was Nadals Understatement angeht: Seine Bescheidenheit in allen Ehren, aber manchmal macht er sich damit – meiner Meinung nach – fast ein bisschen lächerlich.

Marco: Du hast recht, Nadals Understatement grenzt phasenweise ans Groteske. Für ihn aber ist es Teil eines Rituals, ohne, dass er nicht gewinnen könnte, genau wie das Polieren der Linien, das Positionieren der Trinkflaschen oder auch das permanente Zupfen an allen möglichen und unmöglichen Körperteilen. Für mich ist dieses Gebaren insgesamt aber
deutlich angenehmer als das bisweilen zooähnliche Verhalten einiger anderer Topprofis. Ich denke übrigens nicht, dass Djokovic der einzige Spieler ist, der ihn in Paris schlagen kann. Das Potenzial hierzu haben mindestens drei Weitere. Juan Martin del Potro, wenn er denn je fit ist, sowie Roger Federer und Stan Wawrinka. Sie alle müssten allerdings einen hervorragenden Tag erwischen und hoffen, dass Nadal selber ein wenig schwächelt. Dies gilt aber auch für Novak Djokovic.

Svenja: Meine Meinung kennst du ja, ich denke, Djokovic hat es in den eigenen Händen respektive im eigenen Racket. Aber wenigstens in einem Punkt sind wir uns einig, ab nächster Woche heisst es dann: „Forza Azzurri!“ :)

Marco Keller Nadal Djokovic Final French Open  TennisfachmannMarco Keller stammt aus Oberwil bei Zug und arbeitet seit 1994 als Sportjournalist. Vor seinem Wechsel zur „Berner Zeitung“ arbeitete er zwischen 1997 und 2013 für die Nachrichtenagentur „Sportinformation“ und war neben seiner Tätigkeit als Olympiakoordinator weltweit als Tennischef im Einsatz. Auch privat spielt Tennis eine grosse Rolle. Der Präsident der Regionalvereinigung Zug Tennis, der früher in einem US-College spielte, organisiert auch Anlässe für Tennisjunioren (mit Marco Chiudinelli, Yves Allegro, Michael Lammer und Patty Schnyder) und hat zusammen mit seinem Journalistenkollegen Simon Graf 2013 das Buch „Jubeljahre – Die Goldene Ära des Schweizer Tennis“ veröffentlicht.

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