Roger Federer (Quelle: Facebook).

Schlagabtausch: Kann Federer Nadal in New York schlagen?

Es freut mich, heute auf Lets Talk Tennis eine neue Rubrik zu präsentieren. In „Schlagabtausch“ möchte ich in Zukunft mit Tennisexperten, Journalisten oder eifach nur Fans über ein Thema diskutieren. Als Premieren-Gast konnte ich Simon Häring vom „Blick“ gewinnen, der hier nur seine ganz private Meinung vertritt. Von ihm wollte ich wissen: Kann Roger Federer Rafael Nadal bei einem allfälligen Aufeinandertreffen bei den US Open schlagen?

Svenja Mastroberardino: Spätestens das Turnier in Wimbledon hat uns gelehrt, dass wir nach der Auslosung nicht zu weit vorausschauen sollten. Dennoch: Der mögliche Viertelfinal zwischen Roger Federer und Rafael Nadal überstrahlt im Vorfeld alles. Auf der einen Seite der kriselnde Schweizer, auf der anderen Überflieger Nadal. Ich frage dich ganz konkret: Hat Federer momentan das Zeug, um Nadal in Flushing Meadows über Best of Five in die Knie zu zwingen?

Simon Häring: Nein, momentan ist das utopischer denn je. Nadal dominiert derzeit auch auf Hartbelag. Kein Wunder, hat er in diesem Jahr noch keine einzige Niederlage einstecken müssen, in Indian Wells, Montreal und Cincinnati den Titel geholt. Auf der anderen Seite steht Federer, der in den letzten Monaten verwundbarer denn je war. Und der Nadal besonders gut liegt. Sogar auf Hartbelag hat der erfolgreichste Hartplatzspieler aller Zeiten (52 Titel) inzwischen eine Negativbilanz gegen Nadal (6:7).

Svenja: Ich kann dir nicht widersprechen, dass derzeit wirklich nichts für Federer spricht, ganz zu schweigen vom Head-to-Head gegen Nadal. Aber genau hier sehe ich seine Chance. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit gehört er (ausserhalb der French Open) nicht zu den Favoriten auf einen Grand-Slam-Titel. Die Erwartungen von aussen sind gering, niemand hat ihn auf dem Zettel. Ich bin überzeugt, dass ihn das zusätzlich anstacheln und motivieren wird, denn niemand sollte einen 17-fachen Grand-Slam-Champion abschreiben. Schon gar keinen, der in New York bereits fünf Mal triumphieren konnte. Roger strahlte vor dem Start grosse Zuversicht aus und konnte sich optimal vorbereiten. Ich traue ihm wirklich zu, Nadal aus dem Weg zu räumen…

Simon: Dass Roger nicht Favorit ist, nagt am Selbstvertrauen, Svenja. Es ist die Position der Stärke, aus der Federer Inspiration und Selbstvertrauen geschöpft hat. Heute offenbart er Verwundbarkeit. Die gute Leistung in Cincinnati täuscht, denn es war auch gleichzeitig Nadals schwächste Leistung im Turnier. Seit Federer 2008 gegen Nadal den Wimbledon-Final verloren hat, ist er nicht mehr der Gleiche. Drei Duelle gabs noch auf Grand-Slam-Stufe mit dem Spanier, aber keinen einzigen Sieg für Roger. Über sechs Jahre oder 2210 Tage (Stand: Montag, 26. August 2013) ist es her, dass Federer Nadal in einem Best-of-Five-Match schlagen konnte – im Wimbledon-Final 2007. Bei Major-Turnieren steht die Bilanz bei vernichtenden 2:7-Niederlagen. Zuversicht hin oder her: Nadals Spiel ist Gift für Federer. Und die bitteren Pleiten der Vergangenheit haben sich tief in Rogers Gedächtnis eingebrannt. Er wünscht sich nichts mehr, als dass Nadal bereits frühzeitig scheitert. Damit der Weg für ihn frei ist.

Svenja: Was Cincinnati betrifft, muss ich dir widersprechen. Vor allem der erste Satz war Tennis auf allerhöchstem Niveau – und zwar von beiden. Wenn Roger Rafa sein Spiel aufzwingen kann und die nötige Sicherheit hat, dann kann er auch gegen ihn bestehen. Rafa hat wie so oft davon profitiert, dass Roger sein Niveau nicht halten konnte. Ich gebe dir Recht, dass die Niederlage 2008 in Wimbledon Spuren hinterlassen hat. Aber die Niederlagen danach, die du ansprichst, waren allesamt knapp. Roger blieb nie chancenlos, wurde nie vom Platz gefegt. In New York schätze ich seine Chancen neben Wimbledon am grössten ein, Nadal noch einmal bei einem Grand Slam zu schlagen.  In Flushing Meadows sind sich die beiden noch nie gegenüber gestanden, Roger könnte relativ unbefangen an die Sache herangehen. Auch er weiss: Rafa bekundete bei den US Open in der Vergangenheit immer wieder Mühe…

Simon: Bei den US Open heisst es für Federer: jetzt oder nie! Neben Wimbledon hat er hier die grössten Chancen gegen Nadal. Der Ball springt weniger hoch ab, ein Vorteil für Federers Rückhandseite. Der Aufschlag muss Wirkung erzielen und wie in Cincinnati muss er jede Möglichkeit nutzen, die Rückhand zu umlaufen. Nur so hat er gegen Nadal eine Chance. Aber Nadal ist und bleibt Federers Piece de Résistance. Der Vorteil: Fliegt Nadal früher raus, beflügelt das Roger. Darum meine Prognose: Wenn Nadal weg ist, gewinnt Federer zum sechsten Mal nach 2004 bis 2008 in New York. Sonst nicht.

Svenja: Das ist ja doch einigermassen optimistisch, Simon. Wie du richtig sagst: Er muss vor allem gut servieren und agressiv, aber nicht mit allerletztem Risiko angreifen. Dann ist alles möglich. Ich denke nicht, dass Nadal früh rausfliegen wird. Isner wird über fünf Sätze meiner Meinung nach keine Chance haben und vor den Achtelfinals sehe ich niemanden, der ihn gefährden könnte. Es wird Federer sein, der seinen Lauf stoppt. Das sagt mir mein Bauchgefühl. Und darauf konnte ich mich bisher meistens verlassen 😉 Ich denke auch, dass das Publikum Roger noch einmal so richtig Flügel verleihen wird. Eine Night Session gegen Rafa im ausverkauften Arthur Ashe Stadium. Besser geht’s nicht…

Bildschirmfoto 2013-08-26 um 20.03.11Simon Häring (26) arbeitet als Journalist beim „Blick“. Sein Spezialgebiet ist Tennis. Seinen sportlichen Zenit hat er mit dem Sieg in der Wurst- und Brot-Konkurrenz beim Klubturnier des TC Liestal 2012 bereits überschritten. Spielt die Rückhand einhändig und hat einen Hang zu Doppelfehlern. Er ist auf Twitter unter @_shaering zu finden. 

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