Schlagabtausch: Reformen bei Grand-Slam-Turnieren?

Svenja: Hallo René. Es freut mich, dich heute zum Schlagabtausch begrüssen zu dürfen. Die wichtigste Regel vorneweg: Es sind ausschliesslich verbale Treffer gestattet! :) Nein, im Ernst: Mit den US Open steht uns das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres bevor und ich dachte, das wäre doch der richtige Zeitpunkt, um über eventuelle Reformen (oder eben nicht) nachzudenken. Deshalb meine Frage: Wenn du etwas am jetzigen Format ändern könntest, was wäre das?

René: Hi Svenja! Ich werde mein Möglichstes tun, überhalb der Netzkante zu bleiben ;). Die Slams sind durchaus ein Fall für sich und die US Open sowieso, da sie das Herrenfinale auf Montag gelegt haben und als einziger Slam den dritten beziehungsweise fünften Satz nicht ausspielen. Ich würde erstmal klein anfangen und vor allem beim zweiten Punkt ansetzen – die Form von „Sudden Death“ in einem der vier wichtigsten Turnieren widerstrebt mir schon vom Prinzip her und während sie für den Rest des Jahres sinnvoll sein mag, bitte nicht bei den Slams. Das Ganze mag zwar der wahnsinnig kommerzialisierten Veranstaltung, die die US Open vor allem bezüglich der TV-Rechte sind, entgegenkommen, aber sonst spricht eigentlich alles für das Ausspielen des letzten Satzes. Oder wie siehst du das?

Svenja: Da gehe ich mit dir einig. Es ist doch faszinierend, wenn ein fünfter Satz in die Verlängerung geht und die Spieler den letzten Tropfen Energie aus sich herauspressen müssen. Oftmals sind es genau diese Spiele, die uns in Erinnerung bleiben. Es muss ja nicht immer gleich so „ausarten“ wie zwischen Isner und Mahut in Wimbledon. Wo wir bereits bei einem weiteren Punkt angekommen sind: Immer wieder haben Tennisexperten zuletzt gefordert, dass auch die Männer bei den Majors nur „Best of 3“ und nicht mehr „Best of 5“ spielen sollten. Da bin ich ganz klar dagegen. Wie stehst du zu diesem Thema?

René: Ich sehe das etwas differenzierter. Für meinen Geschmack können die ersten drei oder gar vier Runden gerne gekürzt werden, damit hätte ich absolut kein Problem. Im Gegenteil – siehe viele Erst- und Zweitrundenbegegnungen: Habe ich wirklich nach einem 6:1, 6:0 von Nadal in Paris oder Murray in Wimbledon noch das Verlangen einen weiteren Satz zu sehen, in dem deren Gegenüber einen „Bagel“ aufgetischt bekommt? Nicht wirklich, auch wenn dies zum Preis von 5-Satz-Thrillern wie Nadal-Rosol (Wimbledon 2012, 2. Runde) kommt. Ausserdem vermute ich, dass sich so die Spiele in der 2. Woche eventuell interessanter gestalten können. Die Viertel-und Halbfinals der letzten beiden Slams waren für meinen Geschmack alles andere als hochklassig (was sicherlich verschiedene Gründe hat), aber vielleicht sind die Beteiligten bei einer entspannteren ersten Woche mental und physisch etwas frischer in der Woche, wenn es ums Eingemachte geht und die eigentlichen Blockbuster anstehen. Die Olympischen Spiele haben gezeigt, dass „Best of 3“ mit Ausspielen des dritten Satzes durchaus bei den Herren seinen Reiz haben kann, siehe bspw. das Federer-Del Potro-Halbfinale mit 19:17 im Dritten für den Eidgenossen. Welche Gründe gibt es deiner Meinung nach, das nicht so umzusetzen? Und überhaupt: Könnte man das Prinzip „Best of 3 bis Achtelfinale, danach Best of Five“ auch auf die Damen ummünzen? Was meinst du?

Svenja: Zugegeben, die Top-Stars werden zu Beginn eines Slams oft kaum gefordert, ein dritter Gewinnsatz ist manchmal überflüssig. Aber da reden wir ja wirklich nur von vier, fünf Spielern. Abnützungskämpfe in frühen Runden gehören für mich zu den Grand Slams wie die Scheidungen zu Lothar Matthäus. Von Krämpfen geplagte Athleten fordern sich auf einem Aussenplatz in der Dämmerung alles ab und die Zuschauer gehen so richtig mit. Es wäre sehr schade, wenn es solche Matches in Zukunft nicht mehr geben würde.

Dein Vorschlag „Best of 3 bis Achtelfinale, danach Best of Five“ kann ich mir bei den Damen durchaus vorstellen. Meine Kollegen in der Sportredaktion belächeln die Frauenspiele oft, ich denke, mit diesem Format könnte man durchaus noch etwas mehr Würze in die ganze Sache bringen. Und vielleicht könnte dann auch mit gewissen Vorurteilen aufgeräumt werden. Wie siehst du das?

René: Generell kann ich mich mit der Idee anfreunden, aber eben nur im Zusammenspiel damit, dass man dies dann für beide Geschlechter gleichermassen durchzieht. Dadurch würde vielen Zynikern und (mit Verlaub) Dummschwätzern die „Equal Prize Money“-Debatte unter den Füssen weggezogen und man könnte diesen schon längst gespülten Teller endlich in den Schrank räumen. Ich sehe wenig Sinn darin, alles auf der Herrenseite so zu lassen wie es ist und auf der Damenseite ab den Viertelfinals 5 Gewinnsätze zu spielen, nur damit man Leuten, die die Frauenspiele belächeln, entgegenkommt. Bei dem Publikum sollte und muss die WTA nicht versuchen, einen Blumentopf zu ernten.

Ein viel grösseres Problem bei der 3-Satz/5-Satz-Debatte bei den Damen sind jedoch die Turnierplanungen und TV-Produktionen. Die WTA hat durchaus schon angeboten, auf „Best of 5“ zu erweitern, aber die Organisatoren der Slams haben daraufhin wenig Reaktion gezeigt. Zugegebenermassen würde es unter diesen Umständen unglaublich schwierig werden, beispielsweise in Wimbledon einen spielfreien, mittleren Sonntag beizubehalten oder gar bei schlechtem Wetter die ersten drei Runden in sechs oder sieben Tagen der Turnierplanung zu bewältigen. Von wegen Turnierplanungen und Organisation der Slams: Wie siehst du es eigentlich mit den Wild Cards bei Slams, Svenja? Die Diskussion wurde ja die Tage u. a. von Jon Wertheim wieder angestossen, da die US Open, French Open und Australian Open ja beispielsweise Wild Cards untereinander austauschen. Unfaires Kartell der Privilegierten oder verdiente Chancen für Lokalmatadoren mit ein klein wenig Vetternwirtschaft?

Svenja: Ganz ehrlich, mit diesem Thema habe ich mich bislang noch nicht gross auseinander gesetzt. Es ist, wie es ist. Die USA, Australien, Frankreich und (momentan mit Abstrichen Grossbritannien) sind Tennisnationen, die eigentlich über genügend Talente verfügen sollten, die eine Wildcard rechtfertigen. Von daher sehe ich das nicht so eng. Die Wildcard-Vergabe ist ja nicht nur bei den Slams, sondern generell auf der Tour ein Thema für sich. Es ist immer wieder amüsant, wie beispielsweise beim Turnier in Doha zu Beginn des Jahres einheimische Wildcards kriegen, nur um dann mit einem „Double Bagle“ vom Platz gejagt zu werden. Das hilft schliesslich auch niemandem, weder dem Spieler noch dem Turnier.

Deine Meinung zu einem ganz anderen Thema würde mich aber abschliesend noch interessieren. Wir haben zu Beginn darüber gesprochen, dass die ersten Runden bei Slams oftmals ziemlich langweilig sind. Du hast deshalb vorgeschlagen, den Modus auf „Best of 3“ zu ändern. Wie wäre es denn, wenn man wie früher die Setzliste auf 16 Spieler reduzieren würde? So könnte es bereits im Anfangsstadium des Turniers zu attraktiven Affichen kommen…

René: Da bin ich zugegebenermassen etwas zwiegespalten. Zum einen halte ich es für sinnvoll, dass die Spieler, die im vorangegangenen Kalenderjahr ihre Leistung brachten, den Bonus geniessen dürfen, länger quasi „geschützt“ im Turnier zu sein. Zum anderen wäre nichts dagegen einzuwenden, bereits in der ersten Turnierwoche mehr Spiele zu haben, bei denen das Adrenalin hochfährt. Merkwürdigerweise ist das aber grösstenteils ein Manko, dass ich bei den Herren anzubringen habe. Bei den Damen war beispielsweise Kvitova in den letzten beiden Slams in wirklich spannende, mitunter hochklassige Drittrunden-Begegnungen involviert (gegen Kuznetsova in Paris und Venus Williams in Wimbledon) – würden wir jetzt das Ganze wieder auf nur 16 Gesetzte zurückschrauben, hätten beide Spiele in der ersten Runde stattfinden können und daran würde ich mich doch massiv stören. Ich glaube, das Problem der öfter „unspannenden ersten Woche“ – vor allem auf der Seite der Herren – ist in den letzten Jahren vor allem der Dominanz der Herren am oberen Ende der Weltrangliste zu danken, was natürlich gleichermassen Fluch und Segen ist. Bei den Damen war doch die letzten Jahre mehr Bewegung drin und da ist dann auch in den ersten Runden mehr passiert, was natürlich ebenfalls seine Vor- und Nachteile hat. Rückwirkend denke ich, dass zwischen 2005 und 2013 v.a. bei den Herren eine Einschränkung der Setzliste auf 16 interessant gewesen wäre, aber für dieses Jahr und auch die nächsten  fahren wir, glaube ich, nicht schlecht mit den 32, vor allem da sich auch bei den Herren momentan einiges verschiebt. Wir wollen ja nicht bei jedem Slam einen „Wacky Wimbledon Wednesday“ Jahrgang 2013 haben, oder?

Svenja: Ich sehe dein Argument, aber ich wäre trotzdem dafür, es mit 16 Gesetzten zu versuchen. Aus diversen Gründen. Einerseits soll wie bereits erwähnt verhindert werden, dass es auf den Show Courts in den ersten beiden Runden zu „Blow Outs“ kommt. Andererseits würden die Grand-Slam-Turniere eine andere Dynamik annehmen, wenn die Besten härter gefordert würden. Die Profiteure bei 32 Gesetzten sind ohnehin jene Spieler, die zwischen 16 und 32 gesetzt sind und zwei machbare Startrunden bekommen. Da muss ich dir widersprechen, denn ich finde nicht, dass diese eine Art Schutz brauchen. Ein Jérémy Chardy ist an Nummer 30 gesetzt, in den letzten 12 Monaten hat er auf der ATP Tour aber keinen Final erreicht und nicht gerade überragend gespielt. Ein Duell Djokovic vs. Simon beispielsweise wäre in der ersten Runde viel spannender als in der dritten, weil die Top-Spieler bis dahin perfekt akklimatisiert sind. Dass es in den letzten Jahren oftmals „straight forward“ abgelaufen ist, zeigt doch die Tatsache, dass Journalisten und Fans bei Bekanntgabe von Draws stets die möglichen Viertelfinal-Paarungen eruieren. Das war auch gestern bei der US-Open-Auslosung nicht anders. Ein bisschen mehr Action könnte also nicht schaden. Um deine Frage zu beantworten: Gegen einen „Whacky Wednesday“ hätte ich persönlich nichts einzuwenden… Bleibt mir noch, dich nach einem Siegertipp für die US Open zu fragen? Männer und Frauen natürlich. Und sag jetzt nicht Svetlana Kuznetsova.

René: Wäre ja das 10-Jahres Jubiläum von Kuznetsova, also von daher…. nein, Spass beiseite. Muss ich? Oh je, ich finde beide Seiten sind relativ offen. Bei den Herren haben viele in den Top 10 nur sehr bedingt in der Vorbereitung überzeugt. Djokovic sah weder in Toronto noch in Cincinnati richtig gut aus, aber 5 Gewinnsätze auf Hartplatz und Djokovic sind auch noch einmal eine andere Hausnummer. Im Gegensatz dazu war ein gewisser Roger Federer ziemlich stabil und musste sich nur der Wundertüte Tsonga geschlagen geben. Bei den Damen hängt vieles davon ab, welche Serena Williams auftaucht. Mich würde auch ein guter Lauf von Ivanovic (solang ihr Blutdruck mitspielt ;)) oder Wozniacki nicht schockieren.

Ich bin mal „old-school“ und gehe mit Federer und bei den Damen mit Serena, die doch noch ihre 2014 Slam-Saison „rettet“ – aber befürchte, dass ich mir damit wieder einmal die Finger verbrenne und beide am Ende weiter 17 Slams auf dem Konto haben werden. Und selbst, Svenja? Wen hast du auf dem Deckel?

Svenja: Das ist also wirklich sehr defensiv 😉 Puh, ich habe mir ehrlich gesagt nach Wimbledon vorgenommen, keine Prognosen mehr abzugeben. Ich lag zuletzt jeweils so dermassen daneben, dass ich mich jetzt mal zurückhalte. Denke aber, dass es keinen Überraschungssieger geben wird, sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern.

 

Rene_DenfeldRené Denfeld (26) studiert Meteorologie in Mainz und ist in seiner Freizeit entweder auf Konzerten von The National oder auf den Tennisplätzen der Universität anzutreffen und versammelt dort gerne mal Schmetterbälle mit Djokovic-ähnlicher Präzision. Er ist auf Twitter unter @Renestance aufzufinden.

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