So stehen die Chancen von Roger Federer in Wimbledon

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Am kommenden Montag beginnt in Wimbledon das dritte Grand-Slam-Turnier des Jahres. Die Ausgangslage präsentiert sich dabei so offen wie schon lange nicht mehr. Wie immer, wenn in „SW19“ auf Rasen gespielt wird, gehört auch der siebenfache Champion Roger Federer zu den Favoriten. Doch wie gut stehen die Chancen des Baselbieters, am 6. Juli zum 8. Mal den Wimbledon-Pokal in die Höhe stemmen zu können, wirklich? LetsTalkTennis hat dazu sechs Schweizer Journalisten befragt. Experten, die sich in der Tennisszene bestens auskennen – und Federer allesamt auf der Rechnung haben.

René Stauffer (Tages-Anzeiger)

Ich war bisher 25 Mal in Wimbledon, und obwohl es überraschende Sieger gab (wie Becker 1985, Krajicek 1996, Ivanisevic 2001) siegten normalerweise Leute aus dem engeren Favoritenkreis. Geht man 2014 von diesem aus und wendet das Ausschlussverfahren an, ergibt sich folgendes Bild: Novak Djokovic verliert momentan die meisten Grand-Slam-Finals und ist nicht der geborene Rasenspieler. Rafael Nadal kommt auf Rasen seit Jahren nicht mehr richtig in Fahrt. Andy Murray steht als Titelverteidiger unter Druck und ist noch nicht ganz der Alte. Roger Federer zeigt momentan ungewohnte Schwächen, hat seinen Kopf vielleicht doch nicht ganz bei der Sache. Stan Wawrinka hat gesundheitliche Probleme und ist bisher kein Rasen-Champion. Womit wir schon beim Kreis von Leuten wie Dimitrov, Gulbis, Nishikori, Raonic und Berdych angelangt sind, also den stärksten Aussenseitern, alles noch keine Majorsieger. Wir sehen also: Es gibt keinen klaren Favoriten.

Mein Tipp: Es wird dennoch keinen neuen Wimbledonsieger geben, aber die Championships sind so offen wie schon lange nicht mehr. Ich würde Djokovic und Federer am stärksten einschätzen – ausser Nadal und/oder Murray siegen sich in ein Hoch.

Isabelle Musy (RTS Sport)

Ich denke, Roger hat in diesem Jahr eine reelle Chance, etwas in seinem Garten in Wimbledon zu erreichen. Dass er die Rückenprobleme überwunden hat, macht sowohl physisch als auch mental einen grossen Unterschied. Einige sagen, dass es für Federer immer schwieriger wird, das Niveau über 5 Sätze hochzuhalten. Aber in Wimbledon, auf einer Unterlage, die er bestens im Griff hat, geht alles etwas schneller. Er liebt den Center Court und fühlt sich dort zuhause.

Die Geburt der Zwillinge Leo und Lenny könnte sich ebenfalls positiv auswirken. Die Sandsaison fiel zwar etwas kürzer aus, aber meiner Meinung nach hatte er in Roland Garros ohnehin keine grossen Ziele. Er scheint diesen Titel Rafa zu überlassen. Wimbledon aber ist eine ganz andere Geschichte, eines der ganz grossen Ziele in dieser Saison. Die Zwillinge sind auf der Welt und er kann die Sache relaxt und frei von störenden Gedanken angehen. Hinzu kommt, dass seine Konkurrenten nicht so stark sind wie auch schon. Murray steht als Titelverteidiger unter enormem Druck, die Presse wird ihn und seine neue Trainerin Amélie Mauresmo auf Schritt und Triff verfolgen. Rafael Nadal gehört auf Rasen, einer Unterlage, die ihm körperlich Mühe bereitet, nicht mehr zu den Favoriten. Und Novak Djokovic? Schwierig zu sagen. Er ist wahrscheinlich der grösste Titelanwärter. Es wird neben den Bedingungen davon abhängen, wie er die Enttäuschung in Paris verarbeitet und ob er die mysteriösen Bauchschmerzen überwunden hat. 

Adrian Ruch (Berner Zeitung)

Bis vor kurzem war Roger in Wimbledon stets der Mann, den es zu schlagen galt. Das ist heute nicht mehr so, er verfügt nicht mehr über einen „Extragang“, in den er bei Bedarf schalten kann. Und trotzdem hat er durchaus Chancen, seinen achten Wimbledon-Titel zu gewinnen. Federer ist grundsätzlich in Form, er hat alle Qualitäten, die fürs Rasentennis nötig sind, und das Defizit auf der Rückhand fällt auf Rasen am wenigsten ins Gewicht. Es gibt diesmal keinen klaren Favoriten, auch weil Murray seine Bestform noch nicht erreicht hat. Die Chancen von Federer, Murray, Djokovic und Nadal stufe ich ähnlich hoch ein, wobei Nadal sehr gefährlich wird, wenn er die ersten beiden Runden übersteht.

Gilles Mauron (Sportinformation)

Sobald auf dem Center Court in Wimbledon auf Rasen gespielt wird, gehört Roger Federer automatisch zu den Favoriten! Er ist in seinem Garten, dort, wo alles begann und sich der Kreis schliessen könnte. In Wimbledon stehen seine Chancen, mehrere Spieler der „Big Four“ hintereinander zu schlagen, am besten. Wahrscheinlich ist Wimbledon gar das einzige Major-Turnier, bei dem die Chancen auf eine weitere Krönung intakt sind. Seine Rachegelüste dürften nach dem brutalen Out 2013 gross sein. Um brillieren zu können, muss Federer variantenreich und offensiv agieren und sein Spiel besonders gegen Spieler wie Berdych oder Gulbis durchziehen.

Andreas W. Schmid (Basler Zeitung)

Ich schätze die Chancen von Roger Federer in Wimbledon als sehr gut ein – wenn er die erste Woche übersteht. Denn in der zweiten Woche ist der Rasen schon abgewetzter und der Belag somit härter, und das kommt ihm entgegen. Er zählt sicher zu den Favoriten, ebenso Novak Djokovic und Andy Murray. Mit Rafael Nadal rechne ich nicht. Dafür mit Grigor Dimitrov, der in Queens gewonnen hat. Die Zeit ist langsam reif, dass er an einem Grand-Slam-Turnier bis zum Schluss mitspielt.

Arnaud Cerutti (Tribune de Genève)

Ich habe das Gefühl, dass Wimbledon für Roger Federer die letzte Chance ist, ein weiteres Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Im nächsten Jahr wird er 34 Jahre alt, dann dürfte es schwierig werden. Federers Chancen stehen heuer gut, weil es keinen eindeutigen Favoriten gibt. Ausserdem hat er mit Stefan Edberg eine neue Motivationsquelle gefunden und wird neue Inputs erhalten, was sein Spiel auf Rasen angeht. Federers „Fighting Spirit“ ist nach wie vor ungebrochen und seine Lust gross wie nie. Er spielt momentan gut, aber wichtig wird sein, dass er physisch topfit ist und nicht müde wie in Melbourne oder Paris.

Mein Tipp: Ich denke, Federer wird sein 18. Grand-Slam-Turnier gewinnen. Djokovic denkt an seine Hochzeit, Nadal hat Knieprobleme und Murray 2014 ist nicht Murray 2013. Nicht vergessen dürfen wir Milos Raonic, der über ähnliche Qualitäten verfügt wie Richard Krajicek.

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