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Stanislas Wawrinka: Die Schweiz endlich erobert

(Bildquelle: Twitter @stanwawrinka)

Schon spannend, was ein Erfolg bei den US Open so alles auslösen kann. Als Stanislas Wawrinka mit seiner Demontage von Andy Murray im grössten Stadion der Welt fertig war, vibrierte mein Handy gleich mehrmals. Freunde, die sich sonst höchstens am Rande für Tennis interessieren und das Wort ohne Roger Federer kaum buchstabieren könnten, meldeten sich bei mir. Der Tenor: „WOW. Dieser Stan kann ja richtig gut Tennis spielen.“ Und vor allem: „Der ist ja richtig sympathisch.“ Wawrinka bekommt endlich die Unterstützung der breiten Öffentlichkeit, die er schon lange verdient hätte. Nicht zuletzt aus diesen fünf Gründen:

1. Wawrinka ist loyal

Schnellschüsse waren noch die das Ding des Stanislas Wawrinka. Trifft er eine Entscheidung, dann steht er dazu. Auf Wawrinka ist in jeder Beziehung Verlass. Im Davis-Cup-Team ist er seit jeher ein fester Wert und verpasst keine Begegnung. Er ist sich nicht zu schade, auch strapaziöse Reisen auf sich zu nehmen. Wie beispielsweise 2010, als er nach dem Erreichen des Viertelfinals bei den US Open körperlich angeschlagen nach Kasachstan reiste und sich für das Schweizer Team – leider erfolglos – verausgabte. Loyal ist Wawrinka auch gegenüber seiner Familie. Er spricht in der Öffentlichkeit kaum über Privates und bewahrte auch ruhig Blut, als die vorübergehende Trennung von seiner Frau Ilham in den Schweizer Medien regelrecht ausgeschlachtet wurde.

2. Wawrinka ist ein harter Arbeiter

Wawrinka wurde nie etwas geschenkt, er musste jeden seiner Siege hart erarbeiten. Was andere an Talent in die Wiege gelegt bekamen, macht der Schweizer mit Fleiss und Kampfgeist wett. Wawrinkas Karriere verlief bislang ganz getreu dem Motto: Ein Schritt nach dem anderen. Mit seinen Marathon-Matches hat er sich in der Vergangenheit zwar oft das Leben selbst schwer gemacht, gleichzeitig aber viele Fan-Herzen dazu gewonnen. Mit einem emsigen Arbeiter, der kämpft bis zum Unfallen, kann sich der 0815-Schweizer womöglich besser infizieren wie mit „Maestro“ Federer, dem alles (zu) einfach von der Hand zu gehen scheint.

3. Wawrinka spielt attraktives Tennis

Wer liebt sie nicht, Wawrinkas einhändig geschlagene Rückhand? Wenn die Winner den Gegnern um die Ohren fliegen und es auf dem Platz so richtig kracht, dann weiss man: Stan ist in Bestform. Anders als beispielsweise ein David Ferrer weiss Wawrinka die Zuschauer mit seinem variablen Power-Tennis zu begeistern. Seine Spiele gegen Djokovic in Melbourne und Gasquet in Paris gehören zum Besten, was es auf der ATP Tour in diesem Jahr zu sehen gab. Sein Meisterstück lieferte „Stan the Man“ gegen Murray ab: Er gewann nicht irgendwie, sondern auf überzeugende und attraktive Art und Weise. Spätestens jetzt wess jeder Schweizer (der das Match gesehen hat): Dieser Wawrinka spielt attraktives Tennis!

4. Wawrinka begehrt nicht auf

Wir alle können uns nicht vorstellen, was es bedeutet, hierzulande die Nummer 2 hinter Roger Federer zu sein. Ich bin überzeugt, dass es bisweilen extrem frustrierend ist. Vor allem dann, wenn man sein letztes Hemd für den Davis Cup gibt, Federers Prioritäten aber gänzlich anders liegen. Wawrinka hat dies, bis auf ganz wenige Ausnahmen, immer mit seiner ihm ganz eigenen unaufgeregten Art zur Kenntnis genommen. Wer eine Schlammschlacht in den Medien erwartet hatte, der täuschte sich. Wawrinka akzeptiert die Gegebenheiten und konzentriert sich auf seine eigene Karriere. Die Früchte seiner Arbeit darf er jetzt ernten. Dass er dabei in der Schweiz (endlich) gebührend gefeiert wird, soll er geniessen.

5. Wawrinka rockt „Social Media“

Nicht zuletzt aufgrund seiner Präsenz auf den sozialen Plattformen hat sich Wawrinka in den letzten Monaten zu einem absoluten Fan-Liebling gemausert. Wer der Weltnummer 10 auf Twitter folgt, wird bestens unterhalten. Stan findet den perfekten Mix aus Nähe zu Fans und Journalisten und Professionalität. Sein Humor kommt an – und unterscheidet sich massgeblich von vielen anderen Top-Cracks. Der Artikel über die besten Retweets von Stan sind nur ein Beweis dafür, dass es sich wirklich lohnt, ihm zu „followen“.

Eines ist sonnenklar: Wäre Federer in New York nicht bereits ausgeschieden, Wawrinkas Leistungen würden anders wahrgenommen. Dass gewisse Medien trotz oder gerade wegen Federers Out versuchen, einen Vergleich herzustellen, macht mich persönlich sprachlos. Eine Statistik gefällig, die unterstreicht, wie unnütz ein Gegenüberstellen der beiden Spieler ist? Während Stan in New York seinen ersten Halbfinal-Einzug feierte, gelang dies Federer bereits 33 Mal. Es wäre also an der Zeit, Federer für einmal aus dem Spiel und Stan seinen Moment geniessen zu lassen. Auch in der Schweiz hat er sich endlich einen Namen und die Sprachbarriere vergessen gemacht. Nicht zuletzt weil er authentisch ist. Sympathisch eben.