Stephanie Vogt: Fernab von Glamour und Millionen

„Woher kommst du? Aus Litauen?“ Es kommt nicht selten vor, dass Steffi Vogt Fragen dieser Art beantworten muss. Die 23-Jährige ist Liechtensteins beste Tennisspielerin und bringt mit ihrer Herkunft selbst erfahrene Referees ins Schwitzen. „Die Schiedsrichter wissen oft nicht, wie man mein Land ausspricht“, verrät Vogt, die Weltnummer 203. Es ist die Geschichte einer jungen Athletin, die nach zahlreichen Rückschlagen wieder auf die Erfolgsspur eingebogen ist und Liechtenstein zu einem Fixpunkt auf der Tennislandkarte machen möchte.

Vorfreude auf die French Open

Übernächste Woche startet mit den French Open das zweite Grand-Slam-Turnier des Jahres. Auch Steffi Vogt wird dabei sein – in der Qualifikation. Drei Runden gilt es zu überstehen, um es ins Hauptfeld der „Grossen“ zu schaffen. Es ist ein unbarmherziger Konkurrenzkampf um die Plätze an der Sonne. Die Vorfreude ist bei der Rechtshänderin aber gross: „Ich freue mich, dieses Jahr erstmals die Qualifikation in Roland Garros und Wimbledon zu spielen. Bei den Grand Slams sind viele Punkte zu holen, ich freue mich auf diese Chancen.“

Es sind ein paar Punkte, die Vogt momentan noch von den besten 200 Spielerinnen der Welt trennen. „Ich bin jetzt schon eine Weile um dieses Ranking herum platziert. Das nächste Ziel ist auf jeden Fall, endlich die Top 200 zu knacken. Es fehlt sehr wenig.“

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(Bildquelle: Highcharts.com)

Wenn Vogt in rund einer Woche in Roland Garros im Grand-Slam-Getummel um einen Platz im Hauptfeld kämpft, dürfte der Fed Cup nur noch eine vage Erinnerung sein. In Chisinau, Moldawien stand Vogt kürzlich im Einsatz. Es ist der krasse Kontrast zur vielzitierten Glamourwelt. „Das ganze Drumherum, wie zum Beispiel das Essen auf der Anlage hat schlecht begonnen. Man musste auf jeden Fall eine gehörige Portion Flexibilität mitbringen“, blickt Vogt, die mit Liechtenstein den Aufstieg in die Europa/Afrikazone II geschafft hat, zurück.

Dass die Gegensätze zu Turnieren auf WTA-Stufe nicht grösser sein könnten, illustriert diese Geschichte: „Kurz vor dem Start haben die Organisatoren realisiert, dass es zwischen ihren 6 nebeneinanderliegenden Sandplätzen gemäss Reglement nicht genügend Abstand hat. Also beschlossen sie kurzerhand, 5 Plätze daraus zu machen. Die Linien wurden dann rausgerissen und versetzt“, erzählt Vogt und ergänzt: „Es gab unzählige Bad Bounces und die Bewässerungsanlage konnte nicht einmal mit meiner Dusche zuhause mithalten. Wir haben also einiges gelacht und gelitten.“

(Bildquelle: Richard van Loon)
(Bildquelle: Richard van Loon)

„Ich kann nichts auf die Seite legen“

Ganz so unprofessionell sind die Verhältnisse auf der ITF Tour, auf welcher Vogt derzeit (noch) hauptsächlich unterwegs ist, nicht. Doch auch auf zweithöchster Stufe erinnert wenig an die Glitzerwelt, auf der die Williams und Sharapovas dieser Welt von Sieg zu Sieg und Trophäe zu Trophäe eilen.

Ein Indikator dafür ist das Preisgeld. 93’371 Dollar hat Vogt in ihrer Karriere bislang an Preisgeld eingenommen, etwas mehr als 11’000 davon in dieser Saison, die doch mittlerweile bereits über vier Monate alt ist. Da können Aufwand und Ertrag nicht übereinstimmen. „Auf der ITF Tour, vor allem bei kleineren Turnieren, sind die Ausgaben praktisch immer grösser als die Einnahmen. Auch bei den beiden Turnieren, die ich im März in England gewonnen habe, habe ich Minus gemacht“, sagt Vogt. Richtig ins Geld geht es dann, wenn noch ein Coach mit dabei ist. Vogt: „Dann kommen zu den eigenen Kosten der Lohn des Trainers sowie all seine Reisespesen wie Flüge, Hotel und Essen dazu – das ist schon Wahnsinn.“

Vogt, die bislang 7 Titel auf der ITF Tour gewonnen hat, lebt gewissermassen für den Moment, Vorsorge für nach der Karriere liegt derzeit nicht drin. „Am Ende des Jahres bin ich momentan etwa auf Null. Das heisst, dass ich mit meinen Sponsorengeldern zwar meine Karriere finanzieren, aber praktisch nichts auf die Seite legen kann.“ Vom LTV (Liechtensteiner Tennisverband) erhält Vogt keine nennenswerte finanzielle Unterstützung, dafür von der VPBank. Mit Head hat sie zudem seit Jahren einen Materialausrüster an ihrer Seite, „auf den ich mich verlassen kann.“ Ausserdem erhält sie als Olympiakandidatin vom Olympischen Sportverband noch einen kleinen Zustupf.

Olympische Spiele als Highlight

Die Olympischen Spiele sind es auch, die ohne Frage zu den bisherigen Highlights in Vogts Karriere zählen. Die passionierte Skifahrerin erhielt für London 2012 eine sogenannte „Invitation Card“ und durfte zudem die kleine, 3 Personen umfassende liechtensteinische Delegation als Fahnenträgerin bei der Eröffnungszeremonie ins Stadion führen. „Es war ein unglaubliches Erlebnis, ich war überwältigt von der ganzen Kulisse“, gerät Vogt heute noch ins Schwärmen. „Die Runde war meinem Geschmack nach aber viel zu schnell vorbei“, lacht sie.

Beim Tennisturnier, welches in Wimbledon ausgetragen wurde, scheiterte sie dann bereits in der 1. Runde klar an der Georgierin Anna Tatishvili. „Es waren meine ersten Olympischen Spiele, ich war Fahnenträgerin, mein erster Wettkampf auf Rasen – es kamen einfach viele Faktoren zusammen und ich konnte nicht zeigen, was ich eigentlich kann. Ich war danach ziemlich niedergeschlagen“, blickt die Frau aus Balzers, die hin und wieder mit der Australierin Sam Stosur trainiert, zurück.

Knieverletzung und Tod des Vaters

Niedergeschlagen war Vogt auch 4 Jahre zuvor, wo sie eigentlich bereits bei den Olympischen Spielen in Peking an den Start hätte gehen sollen. Sie hatte die Wildcard in der Tasche und sass gewissermassen auf gepackten Koffern, als eine schwere Knieverletzung alle Träume jäh zerstörte. „Es passierte just nachdem ich so richtig durchgestartet war. Es war eine schwere Zeit für mich, nicht nur der Operation und Reha wegen, sondern weil mich die Verletzung auch aus meinem gewohnten Umfeld in Budapest rausgerissen hat.“ Vogt hatte als 16-Jährige ihre Profikarriere lanciert und war dafür auch in die ungarische Heimat ihres damaligen Coaches Zoltan Kuharszky gezogen.

(Bildquelle: Will Swan)
(Bildquelle: Will Swan)

Es war dies nicht der erste Rückschlag für die sympathische Tennisspielerin. Als sie 16 Jahre alt war, starb ihr Vater bei einem Lawinenunglück. Vogt war bei einem Juniorenturnier in Australien im Einsatz, als sie die schreckliche Nachricht erfuhr. „Das Tennis hat mir geholfen, mit meinem Emotionen umzugehen, es hat mein Leben strukturiert. Ich musste wieder in den Alltag zurückkehren“, erklärte sie vor einiger Zeit gegenüber der WTA.

Liechtenstein – bald kein schwarzer Fleck mehr?

In diesen Tagen heisst der Alltag für Vogt Sand. Sie bereitet sich intensiv auf Roland Garros vor und hat dafür auch einen Start beim WTA-Turnier in Brüssel abgesagt. „Ich habe entschieden, mich lieber in Ruhe auf Paris vorzubereiten.“ Denn die talentierte Athletin, die es in der Junioren-Weltrangliste bis auf Rang 5 geschafft hat, hat Grosses vor. Sie will sich auf der WTA Tour einen Namen machen und dafür sorgen, dass die Fragen nach ihrem Herkunftsland schon bald kein Thema mehr sein werden.

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