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US Open: Tops, Flops und „Unsung Heroes“

Mit dem (wenig überraschenden) Sieg von Novak Djokovic sind die US Open am Sonntagabend zu Ende gegangen. René Denfeld und Svenja Mastroberardino schauen auf die 14 turbulenten Tage in Flushing Meadows zurück und küren ihre Tops, Flops und die „Unsung Heroes“.

TOPS

René:

Little Big Italy. Das italienische Tennis hat sich in New York stark präsentiert, allen voran Flavia Pennetta und Roberta Vinci. Aber auch ein Fabio Fognini hat sich bei seinem Sieg gegen Rafael Nadal von seiner besten Seite gezeigt. Andreas Seppi mag zwar in drei Sätzen gegen Turniersieger Novak Djokovic verloren haben, aber er hat den Serben durchaus fordern können. Dazu kommt der Halbfinaleinzug von Pennetta und Errani im Doppel – tutto bene.

Azarenkas und Kerbers Drittrunden-Feuerwerk. Die von vielen Leuten eingekreiste Begegnung zwischen Angelique Kerber und Victoria Azarenka entsprach oder übertraf vielleicht sogar viele Erwartungen. Die beiden Spielerinnen trafen zwar früh im Turnierverlauf aufeinander, aber die Partie wäre ohne weiteres eines Halbfinals würdig gewesen: umkämpfte Rallies und Winner soweit das Auge reicht. Am Ende war es die Weissrussin, die auch im fünften Aufeinandertreffen die Oberhand behielt. Kerber hätte durchaus als Siegerin vom Platz gehen können, liess sich jedoch in aussichtsreicher Lage im ersten Satz etwas zu weit zurückfallen und verpasste ihre letzte Chance, 2015 in die zweite Woche eines Slams einzuziehen – trotz grosser kämpferischer Leistung.

Kevin Anderson durchbricht den 4.-Runden-Fluch. Der Südafrikaner schaffte es im 8. Anlauf endlich, den nächsten Schritt in einem Grand Slam zu machen und ins Viertelfinale einzuziehen – dabei vermieste er keinem Geringeren als Andy Murray den New-York-Aufenthalt. In der folgenden Runde war dann zwar gegen Stan Wawrinka Schluss, aber trotz alledem ein wichtiger Meilenstein für den 29-Jährigen, der sich durchaus Hoffnungen machen darf, zumindest als „Alternate“ Ende des Jahres nach London zu reisen.

Svenja:

Martina Hingis. Nach dem Double in Wimbledon doppelte die bald 35-Jährige in New York nach: Erneut sicherte sie sich die Titel im Doppel und Mixed-Doppel. In diesem Jahr hat Hingis insgesamt 5 Grand-Slam-Titel gewonnen. Es wird spannend sein zu sehen, mit wem die Trübbacherin bei den Olympischen Spielen in Rio an den Start gehen wird. Roger Federer oder Stan Wawrinka? Belinda Bencic oder Timea Bacsinszky? Also ich persönlich würde ein öffentliches Bewerbungsverfahren sehr begrüssen :).

On-Court-Interview. Die Zuschauer staunten bei der Erstrunden-Begegnung zwischen Sloane Stephens und Coco Vandeweghe nicht schlecht, als letztere nach dem ersten Satz von EPSNs Pam Shriver interviewt wurde. Die Meinungen über dieses „On-Court-Interview“ gehen auseinander, aber ich finde: Why not? Wenn die Spieler damit einverstanden sind, sehe ich da keine Probleme. Jedenfalls props to ESPN, mal etwas Neues auszuprobieren.

Grosse Abgänge: Sowohl Mardy Fish als auch Lleyton Hewitt traten mit grossem Getöse von der US-Open-Bühne ab. Sie beide verloren nach hartem Kampf intensive Fünf-Satz-Matches und zeigten dabei noch einmal, weshalb sie in Erinnerung bleiben werden. Hewitt wegen seines nimmermüden Kampfgeists und Fish aufgrund seiner variablen und so attraktiven Spielweise.

 

FLOPS

René:

Die verlorene Generation auf abwegigen Pfaden. Wo war sie denn, die „nächste Generation“ der ATP? Nishikori? Frühes Ausscheiden gegen die französische Wundertüte Benoit Paire. Raonic? Immer noch nicht ganz im Tritt. Dimitrov? Blieb wie schon den Rest des Jahres weit hinter den Erwartungen zurück und rutscht weiter die Weltrangliste hinab.

Die U20-Gruppe um Coric, Zverev und Kokkinakis hatte schwierige Auslosungen und ihnen sei ihr frühes Ausscheiden verziehen. Von den Grand-Slam-Anwärtern aus 2014 war aber doch sehr wenig zu sehen.

Ein Festival der unerzwungenen Fehler. Für jede grossartige Begegnung wie Kerber-Azarenka muss es laut kosmischem Gleichgewicht auch eine weniger grossartige geben. Diese haben Sabine Lisicki und Simona Halep in einer verkrampften, von Fehlern geprägten Partie dargeboten. Die Rumänin traf innerhalb der ersten anderthalb Sätze kaum eine Vorhand, kämpfte mit Oberschenkelproblemen, die ihren Aufschlag einschränkten und war auf dem besten Weg gen „John F Kennedy Airport“, bis Lisicki dann begann, komplett den Faden zu verlieren. Zusätzlich traten bei der Deutschen im dritten Satz Krämpfe auf und nach annähernd drei Stunden und summa summarum 105 unerzwungenen Fehlern war dann Schluss – 72 davon unterliefen der Wimbledon-Finalistin von 2013.

Die wankelmütige WTA-Top10. Nach 2 Runden waren mit Serena Williams, Petra Kvitova und Simona Halep nur noch 3 Top-10-Spielerinnen im Damentableau vertreten. Wir alle lieben das ein oder andere Schockresultat bei jedem Slam, aber die ersten vier Tage der US Open boten da doch ein paar zu viele. Die Dichte im Feld ist gross und es ist immer wieder gut, neue Namen in der zweiten Woche eines Slams zu sehen, aber gerne so, dass es sich insgesamt die Waage hält – das hat es sich bei den diesjährigen US Open nicht so ganz. Positiver Beigeschmack des ganzen? Das Race-Ranking für die WTA Finals in Singapur ist ziemlich spannend.

Svenja:

Viertel- und Halbfinals. Ist es das „Best of Five“-Format? Oder einfach das grosse Gefälle? Ich weiss es nicht. Was ich aber weiss: Die Viertel- und Halbfinals bei den Männern waren wenig prickelnd. Einzig Tsonga und Cilic boten in ihrem Match wenigstens etwas Spannung. Diese war ansonsten Fehlanzeige. Das zog sich übrigens – mit wenigen Ausnahmen – durch die gesamte Grand-Slam-Saison 2015.

Boris Beckers Lästereien. Er hat es doch eigentlich wirklich nicht nötig. Er trainiert die Nummer 1 der Welt, verdient gutes Geld und steht ständig im Rampenlicht. Doch Becker kann es einfach nicht lassen. Wie schon vor einigen Wochen war erneut Roger Federer sein „Opfer“. Der SABR, sein „neuer“ Return, sei respektlos und würde sich nicht gehören. Er warte nur darauf, bis Federer von einem Konkurrenten „abgeschossen“ werde. Mir ist neu, dass es nicht erlaubt ist, aggressiv zu retournieren. Oder wie jemand auf Twitter so schön sagte: „Ist es denn auch respektlos dem Returnspieler gegenüber, wenn man ‚Serve and Volley‘ spielt?“

Eurosport. Um es vorwegzunehmen: Ich liebe Eurosport für seine Tennis-Übertragungen. Nicht unbedingt immer inhaltlich, aber vor allem was die Abdeckung bei Grand-Slam-Turnieren angeht.  Bei den Australian Open, French Open und US Open kommen die Fans voll auf ihre Kosten. Diesmal hat sich das Eurosport-Team aber nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Verspätete Einstiege und noch viel schlimmer: Ein Programm-Chaos bei den Frauen-Halbfinals, als zwischenzeitlich weder auf Eurosport 1 noch 2 übertragen wurde. Das Ganze wurde dann noch von einem falschen Teaser getoppt. Anstatt den Final zwischen Pennetta und Vinci anzukünden, lief bei Eurosport eine Vorschau auf ein Endspiel zwischen Williams und Pennetta. Immerhin: Der neue Eurosport Player ist top, auch wenn er gefühlte 5 Minuten hinterher hinkt.

https://twitter.com/fedele_giulio/status/642505177023520768?ref_src=twsrc%5Etfw

 

UNSUNG HEROES

René:

Mit Marija Cicak und Eva Asderaki-Moore haben zwei der besten Schiedsrichterinnen im Tennisgeschäft die beiden Einzelfinals am Wochenende dirigiert. Ein Novum – und ein längst überfälliges dazu. Asderaki-Moore war gar die erste Frau, die beim Herrenfinale bei den US Open im Schiedsrichterstuhl sass – und dabei eine tadellose Leistung ablieferte. Mehr dazu hier.

Svenja

Dass Vicky Duval von den Organisatoren lediglich eine Wildcard für die Qualifikation erhielt, ist ein kleinerer Skandal. Die Amerikanerin schlug 2013 die frühere Siegerin Sam Stosur und erkrankte im vergangenen Jahr an Krebs. Die 19-Jährige kämpfte sich in eindrücklicher Manier zurück und hätte eine Wildcard verdient gehabt. In der Qualifkation scheiterte sie in der 2. Runde, nicht ohne dabei jedoch alles gegeben zu haben. Dieses Comeback verdient grössten Respekt. Es ist hoffentlich erst der Anfang einer langen Reise.

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