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Vogt: „Habe mehrmals daran gedacht, alles hinzuschmeissen“

Sie ist Liechtensteins beste Tennisspielerin und lebt ihren Traum als Profi: Steffi Vogt. Im Interview mit LetsTalkTennis spricht die 25-Jährige die Missstände auf der Tour an, erzählt von ihrem Grand-Slam-Traum und verrät, welche Pläne sie nach der Karriere gerne verfolgen möchte.

Steffi Vogt, du bist momentan die Nummer 147 der Welt und bewegst dich zwischen ITF- und WTA-Turnieren. Wie schwierig ist da die Planung?

Es ist schon so, dass ich mich ein wenig im luftleeren Raum befinde. Mein Ranking lässt eine regelmässige Teilnahme an WTA-Turnieren noch nicht zu, ich stehe aber gleich an der Schwelle. Die Planung ist deshalb nicht einfach. Ich warte manchmal bis zu den „Withdrawal Deadlines“ um zu schauen, wo ich spielen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass auf der Frauen-Tour die WTA- und ITF-Turniere separaten Organisationen unterliegen.

Welche Schwierigkeiten bringt das konkret?

Die beiden Organisationen haben unterschiedliche „Entry Systems“. So sind die Deadlines beispielsweise nicht identisch. Das ist vor allem für Spielerinnen wie mich, die nicht genau wissen, bei welchen Turnieren sie zugelassen werden, sehr problematisch. Es kann schnell mal passieren, dass ich sowohl bei einem ITF- als auch bei einem WTA-Turnier gemeldet bin. Ich hoffe natürlich darauf, dass ich im WTA-Tableau Unterschlupf finde. Falls nicht, würde ich aber trotzdem gerne ein Turnier spielen. Bin ich aber gleichzeitig bei beiden Turnieren eingetragen, werde ich von der ITF dafür bestraft. Im schlimmsten Fall darf ich dann in jener Woche gar nicht spielen. Die Situation ist wirklich sehr kompliziert und viele Spielerinnen ärgern sich darüber.

Inwieweit ist es dir also möglich, die nächsten Wochen zu planen?

Der Plan für die kommenden Wochen steht mittlerweile. Nach Bad Gastein spiele ich ein 75’000-Turnier in Polen, dann zwei Wochen Interclub in der Schweiz. Anschliessend steht die Hartplatzvorbereitung an, ehe ich an die US Open reise.

Stichwort Grand Slam: Du hast es in 12 Anläufen in der Qualifikation noch nie ins Hauptfeld geschafft. Was sind die Gründe?

Natürlich würde ich mich unglaublich gerne für ein Grand-Slam-Turnier qualifizieren, das ist eines meiner grossen Ziele. Aber diese Qualis sind ein Haifischbecken, wo sich viele gute Spielerinnen tummeln. Es ist tough, drei Matches hintereinander zu gewinnen. Ich weiss aber auch, dass ich das Potenzial dazu habe. Es fehlt nicht viel.

Wirst du langsam ungeduldig?

Wie gesagt, es ist eines meiner grossen Ziele, bei den US Open werde ich es ein weiteres Mal versuchen und mein Bestes geben. Es ist jetzt aber nicht so, dass ich nur noch daran denke. Ich würde mich damit zu sehr unter Druck setzen, das wäre am Ende kontraproduktiv.

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Steffi Vogt im Einsatz in Linz 2014. (© Ernst Zotl)

Im Gegensatz zum Einzel hats im Doppel mit der Grand-Slam-Teilnahme bereits geklappt. Du warst im vergangenen Jahr bei den US Open erstmals dabei und hast es nun auch in Wimbledon ins Hauptfeld geschafft. Der Weg dorthin dürfte dich aber einiges an Geduld gekostet haben…

Ja, es war wirklich nervenzehrend. Ich habe mit Misaki Doi in der letzten Quali-Runde verloren aber wir wussten, dass wir eine gute Chance haben, als Lucky Loser nachzurücken. Deshalb bin ich in London geblieben und jeden Morgen zum „Sign In“ gegangen.

Was bedeutet das genau? Wie muss man sich das vorstellen?

Jeweils eine halbe Stunde vor Spielbeginn muss jemand vom Team zum „Referee’s Office“ gehen um quasi zu sagen: ‚Hey, wir sind hier und wären bereit zu spielen.‘ Weil Misaki auch im Einzel im Einsatz stand, war das meine Aufgabe. Das kostet schon ziemlich Energie. Man weiss ja nicht, ob es klappt und wenn ja, wann man spielen wird. Im schlechtesten Fall muss man innerhalb einer halben Stunde bereit stehen.

Wie hast du schliesslich erfahren, dass ihr ins Hauptfeld nachrückt?

Ich war beim Training und als ich danach auf mein Handy schaute, hatte ich etliche Nachrichten drauf. Wimbledon hatte in den sozialen Medien kommuniziert, dass sich die Williams-Schwestern zurückziehen und wir nachrücken. Wir haben es Gott sei Dank bereits am Vortag erfahren, so dass wir uns richtig vorbereiten konnten.

Für einen Sieg hats leider nicht gereicht, konntest du es trotzdem geniessen?

Ja, auf jeden Fall, auch wenn wir gerne gewonnen hätten. Es war eine knappe Partie, unsere Gegnerinnen haben super serviert. Aber es war dennoch eine sehr schöne Erfahrung und ich habe es sehr genossen.

Als Tennisspielerin ausserhalb der Top 100 ist das Tour-Leben nicht immer einfach, du hast uns kürzlich von einer wahren Odyssee erzählt. Was fasziniert dich dennoch an deinem Beruf?

Wenn es läuft, dann ist es einfach grossartig. Wenn man im Flow ist und in dem aufgeht, was man macht, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl. Ich liebe das Tennis einfach und die Top 100 sind nach wie vor mein grosses Ziel.

Damit würde sich wohl auch die finanzielle Situation entspannen. Bei den US Open wird ein neues Rekord-Preisgeld ausgeschüttet: Die Sieger erhalten 3,3 Mio Dollar, für ein Erstrunden-Out gibt es neu fast 40’000 Dollar. Was hältst du von dieser Entwicklung?

Die Erhöhung ist schon ziemlich massiv. Aber es ist wie in der Vergangenheit so oft: Diejenigen, die viel verdienen und sowieso schon alles gratis bekommen, erhalten noch mehr. In der Quali wird glaube ich um 7 Prozent aufgestockt, was beim Betrag leider nicht allzu viel ausmacht. Dabei wären es genau diese Spieler, die wirklich etwas mehr brauchen würden, um ihre Kosten zu decken. Ich sehe diese Entwicklung deshalb eher kritisch.

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Auf der ITF-Tour sind für kommende Saison grössere Umstrukturierungen und Preisgelderhöhungen vorgesehen. Geht es in die richtige Richtung?

Was sich konkret ändern wird, kann ich momentan noch nicht beurteilen. Ich weiss zum Beispiel, dass es auf der ITF-Frauen-Tour neu „Hospitality“ geben wird, sprich wir die Übernachtungen während unseres Einsatzes bezahlt bekommen. Bei den Männern ist das aber schon lange der Fall, es handelt sich dabei in erster Linie also lediglich um eine Anpassung. Eigentlich eine Frechheit, dass man das nicht schon viel früher gemacht hat.

Bist du noch nie am Punkt angelangt, wo du am liebsten alles hingeschmissen hättest?

Doch, mehrmals. Ich hatte eine schwere Knieverletzung, die mir auch heute noch zu schaffen macht.

Inwiefern?

Ich habe einen Knorpelschaden und oft Schmerzen. Unbewusst versuche ich, das im Spiel manchmal zu kompensieren, was dann natürlich wieder andere negative Auswirkungen zur Folge hat. Es ist nicht immer einfach, es gibt schwierige Momente. Manchmal kann ich gut mit den Schmerzen umgehen, wenns nicht so läuft weniger. Ich weiss halt, dass mich diese Probleme manchmal etwas hemmen. Das zehrt schon.

Du hast körperliche Probleme angesprochen. Gibt es sonst noch Dinge, auf die du gut und gerne verzichten könntest?

Auf das Alleinsein. Man führt schon ein einsames Leben auf der Tour und manchmal habe ich die Nase voll.

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Steffi Vogt mit ihrem Coach Andreas Kuharzsky (© Simon Isaacs)

Bist du oft alleine unterwegs oder hast du jeweils deinen Coach Andreas Kuharzsky dabei?

Ich versuche es immer so einzurichten, dass Andreas dabei sein kann. Ich glaube nicht, dass ich es ohne Coach durchziehen könnte. Ich bin froh, habe ich die Unterstützung meines Sponsors, der mir dabei hilft, dies zu ermöglichen.

Diese Spieler-Coach-Beziehung ist bestimmt nicht immer einfach…

Es ist schon speziell, denn mein Coach ist die Person, mit der ich mit Abstand am meisten Zeit verbringe. Ausserdem ist die Konstellation ungewöhnlich: Ich bezahle ihn, damit er mir sagt, was ich zu tun habe. Das ist nicht immer einfach und kann schon zu gewissen Reibungen führen. Wir haben aber ein gutes Verhältnis und wenn es mal „kracht“, dann können wir mit etwas Abstand immer gut darüber reden.

Du hast in Österreich das Abitur mit Bestnoten abgeschlossen. Nie daran gedacht, zu studieren?

Doch, ich würde sehr gerne studieren, aber leider lässt es sich mit diesem Lifestyle und der vielen Reiserei nicht vereinen.

In welche Richtung soll es denn gehen?

Ich würde gerne etwas in Naturwissenschaften machen. Wäre es Sportmanagement oder so, liesse sich das vielleicht nebenbei noch machen, das sieht man bei anderen Spielerinnen. Aber ein Studium in Naturwissenschaften lässt sich nicht mit dem Leben als Tennisprofi verbinden.

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