Kyrgios

Warum wir den Spieler Kyrgios, aber nicht den Typen Kyrgios brauchen

Praktisch sämtliche Kommentar-Spalten in den Zeitungen waren in der vergangenen Woche mit dem Vorfall rund um Nick Kyrgios und Stan Wawrinka gefüllt. Dabei sind sich die Journalisten einig: Was sich der Australier in Montreal geleistet hatte, war nicht nur völlig daneben, sondern für sämtliche Beteiligte zutiefst verletzend.

Das sehe auch ich nicht anders. Die verbale Entgleisung des eigenwilligen Aussies ist beispiellos.  Solche Kommentare gehören nicht auf den Tenniscourt, haben im Sport nichts zu suchen. Oder wie es Sky-Sports-Experte Mark Petchey auf den Punkt bringt: „Lets not mix up charisma with being cruel.“

Immer wieder wurde Kyrgios‘ unflätiges Verhalten in den letzten Monaten damit gerechtfertigt, dass er der dringend benötigte Farbtupfer auf der sonst zum Einheitsbrei verkommenen ATP-Tour sei. Es wird ihm verziehen, wenn er den Schiedsrichter einfach mal mir nichts, dir nichts als „dreckigen Abschaum“ bezeichnet oder ganz offensichtlich nicht sein Bestes gibt.

Was mich an der ganzen Sache stört: Die immer wieder aufgeworfene Frage, ob das Tennis Typen wie Kyrgios braucht. Denn die Antwort ist so naheliegend wie simpel: Nein, das Tennis braucht keine Rüpel wie Kyrgios. Doch warum klammern wir uns dann dermassen an den Australier, lassen ihm so viel durchgehen? Weil das Tennis nach Athleten dürstet, die den Top-Spielern auf Augenhöhe begegnen und sie schlagen können. Regelmässig. In grossen (End-)Spielen. Und, hier liegt das eigentliche „Problem“, Kyrgios unbestritten das Potenzial dazu hat.

War (oder vielmehr ist) es nicht das Duell zwischen Roger Federer und Rafael Nadal, das uns in den vergangenen Jahren in seinen Bann gezogen hat? Oder die spektakulären und hochspannenden Spiele zwischen Stan Wawrinka und Novak Djokovic, die uns mitfiebern und mitzittern liessen? Diese Rivalitäten sind nicht von heute auf morgen entstanden, sie haben sich entwickelt. Und vor allem: Sie werden aufgrund ihrer spielerischen Klasse in Erinnerung bleiben.

Die ATP  und auch die Medien haben sich in den letzten Jahren alle Mühe gegeben, die potenziellen Nachfolger der „Big 4“ hochzujubeln. Grigor Dimitrov war dafür vorgesehen, dereinst in die Fussstapfen von Federer zu treten. Milos Raonic sollte eine moderne Version von Goran Ivanisevic werden. Und Kei Nishikori, da waren sich alle einig, ist ein absoluter Glücksfall: Der Japaner wird mit seinen Erfolgen den asiatischen Markt erschliessen und das Tennis damit zu einer noch globaleren Sportart machen, als es ohnehin schon ist.

Nur: Der mittlerweile 24-jährige Dimitrov wartet noch immer auf seinen ersten Grand-Slam-Final. Dasselbe gilt für den gleichaltrigen Raonic. Und Nishikori – mittlerweile 25 Jahre alt – war bei den US Open im vergangenen Jahr zwar nahe dran, doch immer wieder macht dem Ballkünstler sein fragiler Körper einen Strich durch die Rechnung.

Der ATP-Tour würde eine Blutauffrischung gut zu Gesicht stehen. Und hier kommen wir wieder auf Kyrgios zurück. Der junge Mann aus Canberra ist in der Lage, mit seinem Racket (und nicht nur seinem Mundwerk) ein Feuerwerk zu entfachen, wie es nur ganz wenige können. Er kann Federer und Co. bereits mit 20 Jahren das Wasser reichen. Deshalb, lieber Nick: „Let The Racket Do The Talking.“ Denn nur so wird man sich auch übermorgen noch an dich erinnern.

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