Nach Plagiats-Skandal: Interview mit Ben Rothenberg

Normalerweise dreht sich die Tenniswelt gegen Ende Juli etwas langsamer als gewohnt. Die Luft ist bei Top-Spielern und Fans nach dem French Open-Wimbledon-Tohuwabohu gleichermassen draussen. Das gesamte Schweinwerferlicht gehört in dieser Zeit den kleineren Events wie Gstaad oder Kitzbühel. In den Bergen, vor malerischer Kulisse und fernab von Grossstadt-Hektik wird quasi im Stillen um Weltranglisten-Punkte gekämpft. Zeit zum Durchatmen.

Eine Meldung hob die Tenniswelt in diesen Tagen aber dennoch aus den Angeln. Gegen Neil Harman, einen renommierten Tennis-Journalisten der britischen Zeitung „The Times“, wurden Plagiatsvorwürfe laut. Harman war in den letzten 10 Jahren für die Texte im Wimbledon-Jahrbuch zuständig. Eine Art Rückblick-Band, illustriert mit Bildern. Wie sich nun herausgestellt hat, bediente sich Harman bei seinen Texten über Jahre hinweg bei seinen Berufskollegen – ohne deren Einverständnis.

Ben Rothenberg, ein amerikanischer Journalist, der regelmässig für die „New York Times“ schreibt, ging der Sache nach und fand in den „Yearbooks“ der letzten drei Jahre insgesamt 52 (!) Passagen, die Harman nicht selbst geschrieben, sondern von Berufskollegen ohne deren Einverständnis übernommen hat. Kurz bevor die Story am 24. Juli auf „slate.com“ publik wurde, trat Harman aus der „ITWA“ (International Tennis Writers Association) aus. Der Brite war eines der Gründungsmitglieder und amtete zudem als Vize-Präsident. In der Zwischenzeit hat Harman auch sein Twitter-Konto – er hatte über 35’000 Follower – und seine Facebook-Page gelöscht. Sein Arbeitgeber „The Times“ hat ausserdem eine Untersuchung eingeleitet. Ob er seinen Job als Tennis-Verantwortlicher behalten kann, steht derzeit in den Sternen.

Doch wie kam diese ganze Geschichte eigentlich ins Rollen? LetsTalkTennis konnte sich exklusiv mit Ben Rothenberg unterhalten. In einem E-Mail-Interview stand uns der Mann aus Washington Rede und Antwort.

LetsTalkTennis: Ben Rothenberg, wann wurden Sie das erste Mal auf Neil Harmans Plagiate aufmerksam?

Ben Rothenberg: Ich hatte einige Gerüchte gehört, aber wie signifikant die Plagiate waren, fand ich erst gegen Ende des Wimbledon-Turniers in diesem Jahr heraus, als ich selbst das 2013er Jahrbuch las. Ich habe daraufhin die Ausgaben von 2012 und 2013 auf Amazon bestellt und habe noch mehr gefunden. Ich wusste bereits damals, dass etwas getan werden muss, aber ich habe aus Neugierde auch noch das Buch aus dem Jahr 2011 gekauft. Ich war sprachlos. Die 30 Passagen, die ich dort gefunden habe, waren noch viel, viel schlimmer.

Wie lange haben Sie an dieser Story gearbeitet? 

Ich habe mich nach Wimbledon damit auseinandergesetzt, aber nicht pausenlos. Ich habe auch nicht jede Seite der drei Bücher gelesen. Wenn ich eine ungewöhnliche Textpassage fand, habe ich diese gegoogelt um zu schauen, ob ich eine Übereinstimmung finde. In 60 Prozent der Fälle fand ich diese beim Jahrbuch 2011 tatsächlich. Die Texte, die Harman wirklich selbst geschrieben hat, waren leicht identifizierbar, weil er dort viel von sich selbst und seinen Gesprächen preis gab. Wer seine Texte in diesen Büchern, der Times oder seinem Buch „Court Confidential“ liest, der erkennt seinen eigenen Stil.

Haben andere Journalisten Ihnen geholfen?

Ich habe viel mit meinen Kollegen und anderen guten Freunden gesprochen. Sie haben mir dabei geholfen, wie ich diese Story am besten angehen soll. Ich kann ihnen für ihre Hilfe nicht genügend danken. Die Entscheidung, dies zu tun, ist mir nicht leicht gefallen. Auch nicht die Art und Weise, wie ich es am Ende umgesetzt habe.

Haben Sie mit Neil Harman persönlich gesprochen und ihn mit Ihren Ergebnissen konfrontiert?

Das habe ich. Wie in der ersten Slate-Story geschildert, habe ich am Morgen, als die Geschichte raus kam, mit ihm telefoniert. (…) Wir haben rund 30 Minuten gesprochen. Er hat dort herausgefunden, wie viel Beweismaterial ich wirklich habe. Das hat dazu geführt, dass er sofort aus der „ITWA“ ausgetreten ist. (…). Neil und ich waren auch in Kontakt, als die ganze Story publik wurde. Er war immer sehr aufrichtig und professionell und ich hatte bei unseren Gesprächen nie den Eindruck, dass er Ressentiments gegenüber mir verspürt. Er hat mir auch gesagt, dass er es schätzt, dass ich seine Sicht der Dinge so gut wie möglich wiedergegeben habe. Dass unser Verhältnis bereits vor diesem Vorfall gut war, hat bestimmt geholfen. Die Tenniswelt ist wirklich ein kleiner Kreislauf, vor allem dann, wenn man ihn auf englischsprachige Journalisten begrenzt, die bei Turnieren jeweils vor Ort sind.

Hätten Sie ein derartiges Verhalten von einem der renommiertesten Tennis-Journalisten überhaupt für möglich gehalten?

In einem Wort: Nein. Einige haben angedeutet, dass dieses Verhalten im Tennis und im Sport-Journalismus generell sehr verbreitet ist, aber da muss ich vehement widersprechen. Das ganze Ausmass dieser Geschichte ist für mich kaum zu fassen – und die Jahrbücher von 2004 bis 2010 habe ich noch nicht einmal gelesen. Wer weiss, was dort noch alles zum Vorschein kommt.

Ihre Geschichte hat hohe Wellen geworfen. Harman hat in der Zwischenzeit sein Twitter-Konto und seine Facebook-Seite gelöscht und er könnte seinen Job verlieren. Haben Sie Mitleid mit ihm?

Ich wünschte mir, er hätte all dies nicht getan, das ist klar. Ich bin nicht glücklich, was passiert ist. Aber er hat sich hier sein eigenes Grab geschaufelt und muss nun die Konsequenzen tragen. Er hat wohl nicht erwartet, dass dieser kleine Teil seiner sonst so erfolgreichen Arbeit ihn in derartige Schwierigkeiten bringen würde. Aber ich denke nicht, dass die Konsequenzen, die er bis jetzt tragen musste, unfair sind.

Wie sind die Reaktionen in der Tenniswelt und von ihren Journalisten-Kollegen ausgefallen?

Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Direktnachrichten erhalten. Die Kollegen, die mich direkt kontaktiert haben, waren allesamt sehr dankbar und unterstützend. Das schätze ich sehr. Wie sich die anderen fühlen, weiss ich nicht. Aber ich bin zufrieden damit, wie ich diese Story umgesetzt habe und bereue nichts.